Matt-Lackierungen - Aufkärung dringend erforderlich!

Matte Lackierungen (nicht zu verwechseln mit UNI-Lackierungen) an Fahrzeugen kamen in den letzten Jahren in Mode. Ohne Frage sehen seidenglänzende bis matte Oberflächen sehr chic und edel aus. Und im Wohnbereich sehen diese ohnehin viel ästhetischer aus als speckiger Hochglanz. Der Haken an der Sache ist die Empfindlichkeit und --- die Reparatur.

Eine Leserin fragte den ADAC in seinem August-Heft 2011, ob denn die neuen Mattlacke an Autos empfindlicher als „normale Autolacke“ sind. Dieser kleine Artikel animierte mich dazu, in einem kleinen Beitrag der Rubrik „FAQs und Wissen“ etwas ausführlichere „Verbraucherinfo“ zu geben:

Wie entsteht Mattglanz?

   

Nun, die Geschichte der Lackherstellung zeigt da verschiedene Verfahren auf. Die einfachste ist die Zugabe von Füllstoffen, z.B. Talkum, die zu einer Abmagerung (Verminderung) des glänzenden Bindemittelanteiles führt und folglich seidenglänzende bis matte Oberflächen erzeugt. Leider sinkt dabei auch Wetterbeständigkeit.

Eine weitere Methode ist die Verwendung von Polyolefin- oder Polyamidwachsen als Mattierungszusatz in Lacken. Sie schwimmen an der Oberfläche des nassen Anstrichfilmes aus und sorgen so für deren mikroskopisch feine Aufrauhung, welche auffallendes Licht diffus reflektiert und somit Seiden- und Mattglanz begründet. Das Polyx® Hartwachs-Öl der Firma „osmo“ für Holz- und Korkfußböden ist ein solches Beispiel dafür.

Die dritte und im Autolackbereich mehr und mehr angewandte Möglichkeit ist der Einsatz von Mattierungszusätzen auf der Basis von Gel- und Fällungskieselsäuren, die ebenfalls die Lackoberfläche mikroskopisch fein aufbricht.

  Fender in flat

Erste Ernüchterung nach dem Kauf

   
Problematik bei Schrämmchen und Kratzern

Was im Show Room des Autohauses bei optimaler Beleuchtung und im Zustand der „unbefleckten Jungfräulichkeit“ des Lackkleides die Begierde des Käufers weckte, wir schon bald im Alltagsgebrauch der Alptraum des Besitzers. Was im Glanzklarlack mit Schleifen und Aufpolieren möglich ist, verbietet sich beim Mattlack. Nix da mit Polieren kleiner Schrammen von Zweigen an der Fahrzeugseite oder Fingernagelspuren in den Griffmulden, geschweige denn von etwas tieferen Kratzern. Das übergangsfreie „Mattpolieren“ ist leider noch nicht erfunden worden und auch ein Scotch Brite oder Schleifpad verschlimmert eher statt verbessert.

   
Waschanlage?

Je matter eine Lackierung, umso rauer ist ja deren Oberfläche und demzufolge umso empfindlicher reagiert sie auf schon kleinste mechanische Beanspruchung. Wie z.B. das leichte Überstreichen der Fläche mit dem Fingernagelrücken oder die Bürsten einer Waschanlage. Wer mit Mattlack an seinem Auto sich nach außen hin von der Masse abheben will, tut das auch beim Waschen: Car Wash ist „out“ und Handwäsche „in“! Am besten berührungslos mit dem Hochdruckreiniger oder in eine „Berührungslose Waschanlage“ fahren. Letztere habe ich im vergangenen Jahr in den U.S.A. schätzen gelernt, die Schweiz und Österreich haben ihre ersten Projekte damit gestartet und Deutschland? Das Internet zeigt da nicht viel…

   

Der Tag des bösen Erwachens

   

kommt, wenn eine Lackreparatur ansteht. Nach dem Motto einer Zigarettenwerbung aus dem Jahre 1966, die besagte, dass es „schon immer etwas teurer war, einen besonderen Geschmack zu haben“, werden Ihnen als Kunde die Augen geöffnet und Sie zur Kasse gebeten. Vergessen Sie ein Anspritzen, Beilackieren, Spot- oder Smart-Repair? Nicht möglich!

Bis hierhin gehe ich analog zum ADAC-Artikel. Aber meine nunmehr 40-jährige Erfahrung im Fachgebiet Lackieren, begleitet von unzähligen Experimenten und Erkenntnissen, geht jedoch noch einen Schritt weiter. Es ist nicht nur notwendig, das komplette beschädigte Teil zu lackieren, nein, der Weg zur „unsichtbaren Reparatur“ erfordert automatisch das

Lackieren ganzer Partien
Wie z. B. einer kompletten Fahrzeugseite! Und das Ganze OHNE Garantie, dass der Glanz 100%-ig zur Motorhaube oder zum Kofferdeckel passt! Dass ich damit nicht falsch liege, beweist auch, dass bei Gutachterlehrgängen im Allianz Zentrum für Technik (AZT) in Ismaning die gleichen Erfahrungen gemacht wurden. Zur Verständnis hier meine nachfolgende Begründung!

  Hood in flat

Die Mattlackierung -
Nightmare des Lackierers

   

Viele Faktoren haben Einfluss auf das optische Aussehen und den Glanzgrad eines Mattlackes. Dann steht er da, der Reparaturlackierer – mit einer Anzahl von Problemen fertigzuwerden.

  • Verschiedene Lackhersteller mit ebenso verschiedenen Materialien.
  • Am Band wurden andere Klarlacke als im Reparatursektor verarbeitet und diese in anderen Applikationsverfahren. Siehe hierzu auch den Artikel „Farbunterschiede“.
  • Kleinste Abweichungen im Mischungsverhältnis mit dem Härter und der Konsistenz des angemischten Materials ergeben unterschiedliche Glanzgrade.
  • Ebenso nicht isolierte Durchschliffstellen. Wenngleich auch dieser Fakt durch höchste Sorgfalt ausgeschlossen werden kann, wartet ein weit größeres, nicht ohne weiteres zu steuerndes Problem auf den Fachmann.
  • Unterschiedliche Schichtdicken haben ebenso Auswirkungen auf den Glanzgrad des getrockneten Lackfilms. Zwei normale Spritzgänge sehen nach der Trocknung ganz anders aus als zwei satte.
  • Temperatur, Luftfeuchte und -zirkulation in der Spritzkabine beeinflussen den sich ausbildenden Mattglanzgrad.
  • Teilweise sind erheblich lange Ablüftzeiten zwischen den Spritzgängen als auch vor dem Einschalten der forcierten Trocknung akribisch genau einzuhalten.
  • Damit die im Lack enthaltenen Mattierungsmittel die mikroskopisch feine Aufrauhung der Oberfläche bewirken können, muss der Lack möglichst langsam antrocknen.
  • Und nicht zu vergessen die Skepsis des Kunden, der hinter den Einwänden des Lackierers nur Preistreiberei und Bequemlichkeit vermutet.

Für den Lackierer ist Mattlackspritzen ein Roulette-Game. Er sieht das Ergebnis erst, wenn es nicht mehr änderbar ist – nach der Trocknung! So wie auf nebenstehendem Bild könnte auch Ihr Auto nach einer Reparaturlackierung aussehen....

 

Mattschwarze Rep-Lackierung


Dinge, die die Welt nicht braucht

   

Mattlackierungen an Fahrzeugen sind wahrlich „Dinge, welche die Welt nicht braucht“! Notwendig sind sie einzigallein für einige Autohersteller, die meinen, damit eine neue Absatzlücke zu füllen. Und für Mitbürger, die auf diese Masche reinfallen. Wer bereit ist, sein Geld ab und zu für eine Komplettlackierung auszugeben, kann da durchaus richtig liegen. Extravaganz hat eben seinen Preis! Der auch bei Versicherungsprämien in die Höhe schnellen könnte und langfristig vielleicht auf uns alle umgelegt wird.

Das Gros der Autofahrer, für die ein Fahrzeug zweckmäßig zu sein hat, sollte somit lieber einen Bogen um die Show-Room-Cars im Matt-Look machen oder zu einer Ausweichmöglichkeit übergehen:

   

Die Folienbeklebung als Alternative

   

Wer trotzdem nicht auf Mattlack verzichten will, dem können wir bei unseren Partnern, von denen wir wissen, dass sie absolute Qualitätsarbeit bieten, eine Beklebung mit 3M-Hochleistungsfolien bieten. Nur der Alterungsprozess in Verbindung mit UV-Licht der Sonne und mechanischen Beanspruchungen könnte da zu leichten Veränderungen führen. Nur industriell gefertigte Folien garantieren einen recht gleichbleibenden Mattglanz, auch bei der Reparatur. Und – letzten Endes ist die „Folienbeklebung“ wesentlich preiswerter als eine Lackierung!!!

Leider ist das Thema auch 2012 noch nicht vom Tisch, wie sich im Juni auf der Amitec in Leipzig zeigte. Während ja mattschwarze Karossen zweifellos noch recht chic ausschauen, warteten nun einige Fahrzeughersteller mit Buntfarben in matt auf. Ich weiß nicht, wie es Ihnen dabei ergeht? Ein Lackierer denkt jedoch sofort an ein „unfertiges“ Auto, vorbereitet zum Lack in getöntem Füller!

    

Es geht auch noch komplizierter

 

2016 Februar: Der Wahnwitz der auf Verkaufssteigerung fokussierten Fahrzeughersteller geht weiter. Das Februar-Heft des FML (Fahrzeug- und Metall-Lackierers) beschreibt einen neuen Matteffektlack, den Peugeot 2015 unter den Namen EWW Ice Silver und EJD Ice Grey für seine 208-er Modelle herausbrachte. NEU dabei ist, dass die Optik der Oberfläche nun nicht nur matt, sondern auch strukturiert ist. Zufällig war ich zu einem Cromax-Seminar im gleichen Zeitraum geladen. Dort wurden diese Farbtöne ebenfalls angesprochen. Eine Reparaturlackierung - äußerst schwierig, einzelne Teile im gleichen Effekt hinzubekommen wie die Werkslackierung - aussichtslos! Der Reparaturleitfaden, den die FML erwähnt, dürfte derzeitig (03/2016) nur auf einer vorläufigen Reparaturempfehlung hinauslaufen, so wie wir ihn als werksinterne Anleitung vom CROMAX haben (Standox, Spies Hecker wie auch CROMAX gehören dem gleichen Mutterunternehmen Axalta).

 

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